Sexuelle Belästigung?

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  Definition  

Sexuelle Belästigung ist eine Form von Geschlechterdiskriminierung. Die Opfer sind mehrheitlich Frauen. Sie nimmt die Form von sozial tolerierten (unpassende Worte, Geringschätzung von Frauen, Zeigen von pornografischem Material) und bagatellisierten (Berührungen, paternalistische Gesten) sexistischen Verhaltensweisen an. Im Bundesgesetz über die Gleichstellung von Frau und Mann (GlG) und in der Rechtsprechung ist sie sehr genau definiert.

Art. 4 (GlG): : « Diskriminierend ist jedes belästigende Verhalten sexueller Natur oder ein anderes Verhalten aufgrund der Geschlechtszugehörigkeit, das die Würde von Frauen und Männern am Arbeitsplatz beeinträchtigt. Darunter fallen insbesondere Drohungen, das Versprechen von Vorteilen, das Auferlegen von Zwang und das Ausüben von Druck zum Erlangen eines Entgegenkommens sexueller Art.»

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  Zum Beispiel?  

•   Bemerkungen über physische Eigenschaften oder Mängel
• Obszöne, grobe und sexistische Äusserungen, zweideutige Witze
• Taxierende oder entkleidende Blicke, Pfiffe
• Annäherungsversuche, unerwünschte und aufdringliche Gesten (Körperkontakt, Berührungen, zweideutige mündliche und schriftliche Einladungen, Angebote zu sexuellen Handlungen) usw.

  Weder Mobbing noch ausschliesslich sexuelle Gewalt!  

Man darf sexuelle Belästigung nicht mit Mobbing verwechseln. Das Wort Belästigung kann Verwirrung stiften. Im Gegensatz zu sexueller Belästigung ist Mobbing nicht zwingend geschlechtsbezogen. Ausserdem zeichnet es sich durch feindliche Verhaltensweisen aus, die von einer oder mehreren Personen, die versuchen, eine andere Person zu unterdrücken oder destabilisieren, während einer gewissen Zeitspanne wiederholt werden. Sexuelle Belästigung muss nicht zwingend wiederholt werden. Sie wird schon bei einem einmaligen Vorkommnis als solche anerkannt.

Man darf sexuelle Belästigung auch nicht ausschliesslich mit sexueller Gewalt gleichsetzen (Berührungen, Vergewaltigung usw.). Es gibt eine ganze Bandbreite von Verhaltensweisen, die als sexuelle Belästigung anerkannt sind: von sexistischen Bemerkungen bis zu physischer Gewalt.

  Darf man nun nicht mehr anmachen?  

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Thomas Mathieu (http://projetcrocodiles.tumblr.com/)

Was einen Flirt von sexueller Belästigung unterscheidet, ist einfach: Massgebend ist nicht die Absicht der Person, von der die Handlung begangen wird, sondern die Art und Weise, wie sie von der betroffenen Person empfunden wird, ob das Verhalten erwünscht oder unerwünscht ist. Es geht hier um angemessenes oder unangemessenes Verhalten. Verführung setzt Gegenseitigkeit, Zustimmung voraus.

Von Zwang ist in der Definition von sexueller Belästigung nicht die Rede. Die Belästigung zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass das Verhalten von der betroffenen Person nicht gewünscht wird. Und zwar nicht nur objektiv, sondern auch subjektiv betrachtet, das heisst unter Berücksichtigung der Empfindsamkeit der betroffenen Person. Wer nichts sagt, gibt nicht automatisch die Zustimmung: Manchmal befindet sich das Opfer in einer Situation, die den Ausdruck ihrer Ablehnung erschwert.

Man könnte meinen, dass sich die sexuelle Belästigung auf «feindselige Taten mit dem Wunsch nach sexuellen Gunsterweisungen» beschränkt. Wie aber Karine Lempen betont, ist dies häufig nicht der Fall. Es kann sich auch um ein feindseliges Arbeitsumfeld oder um ein belästigendes Verhalten handeln, das sexueller Natur ist oder auf der sexuellen Zugehörigkeit beruht.

Ausserdem ist es wichtig, eine Verbindung zwischen der sexuellen Belästigung und dem Umfeld von Ungleichheit und Machtverhältnissen herzustellen, in dem sie stattfindet. Denn es geht nicht nur um Verhaltensweisen sexueller Art, sondern ganz allgemein um diskriminierende und sexistische Haltungen.

  Bei uns doch nicht! Tatsächlich?  

In der einzigen – summarischen – Studie, die in der Schweiz bei Studierenden über sexuelle Belästigung in Form einer schriftlichen Befragung durchgeführt wurde, gaben 12,4 % der Befragten an, sie seien am Ausbildungsplatz sexuell belästigt worden. Nach einer Umfrage, die vom SECO und vom EBG zwischen 2006 und 2007 bei 2’020 berufstätigen Personen in der Schweiz durchgeführt wurde, haben sich 28,3 % der Frauen und 10 % der Männer irgendwann in ihrem Berufsleben durch Verhalten mit sexuellem Bezug belästigt gefühlt. Dieses Phänomen ist in allen Bevölkerungsschichten unabhängig von sozialer Zugehörigkeit oder Schulbildung zu beobachten.
Die meisten dieser Übertretungen sind allerdings noch unsichtbar, weil sie als unbedeutend oder unvermeidbar abgetan werden. Überdies wird sexistische und sexuelle Gewalt von den Studierenden und Arbeitnehmenden oft nicht klar als solche erkannt. In einer Umfrage an mehreren spanischen Hochschulen haben nur 13 % erklärt, sie hätten schon eine Situation sexistischer oder sexueller Gewalt im Hochschulumfeld erlebt. Als man sie jedoch mit bestimmten derartigen Situationen konfrontierte, antworteten 65 % von ihnen, sie hätten solches bereits erlebt. Daher ist es doppelt wichtig, sie sichtbar zu machen: um eine politische Behandlung dieser Frage zu legitimieren, aber auch, damit die Opfer die von ihnen erlebten Situationen sexueller Belästigung als solche erkennen können.

  Schwerwiegende Folgen für das Opfer  

Die Folgen für das Opfer von sexueller Belästigung können schwerwiegend sein. Gesundheit: psychische und physische Folgen, auch mehrere Jahre später (Isolierung, Schlaflosigkeit, Konzentrationsstörungen, Depression usw.). Lernschwierigkeiten und Misserfolg: vorübergehende Unterbrechung, Prüfungsmisserfolg, verhinderte Karriere, berufliche Unsicherheit usw. Finanzielle Schwierigkeiten: Verlust der Stelle, eines Stipendiums, einer Finanzierung usw. Soziale Folgen: Sexuelle Belästigung trägt dazu bei, die ungleichen Machtverhältnisse zwischen Frau und Mann aufrecht zu erhalten. Insbesondere trägt sie zur Aufteilung des Arbeitsmarktes (zur legendären gläsernen Decke) und zur Unterteilung in so genannte Männer- und Frauenberufe bei.

  Wie kann man sich verteidigen?  

  Am Arbeitsplatz  

Derzeit sind zwei Situationen zu unterscheiden: am Arbeitsplatz und im Studium. Sexuelle Belästigung wird vom GlG nur im Erwerbsleben, «am Arbeitsplatz» anerkannt. Eingeschlossen sind Kolleg*inn*en, Vorgesetzte und Kund*inn*en oder Benutzer*innen. Der Begriff des «Arbeitsplatzes» wird im GlG im weiteren Sinn interpretiert: wenn die beiden betroffenen Personen berufliche miteinander zu tun haben und wenn das Arbeitsverhältnis des Opfers negativ betroffen ist.
Das GlG sieht keine direkten Sanktionen gegen die Täter*innen vor. Das Opfer kann gegen sie/ihn nicht direkt aufgrund des GlG handeln, sondern muss sich dabei auf andere Gesetzesbestimmungen stützen (siehe unten). Das Gleichstellungsgesetz überträgt den Arbeitgeber*inne*n hingegen Verantwortung bei der Bekämpfung von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz. Das Opfer muss sich in einer solchen Situation an seine*n Arbeitgeber*in wenden, damit sie/er etwas unternimmt. Wenn sich die/der Arbeitgeber*in nicht an das GlG hält, können die Opfer sie/ihn gegebenenfalls verklagen, um eine Untersuchung und eine Sanktion in die Wege zu leiten. Auch eine Intervention des Arbeitsinspektorats ist denkbar. In allen Fällen könnt ihr euch mit uns in Verbindung setzen, wenn ihr Fragen habt oder Hilfe benötigt.

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  Beim Studium  

Leider – und darauf ist unsere Forderung zurückzuführen – besteht allzu oft kein spezieller Schutz vor sexueller Belästigung beim Studium. Jede Bildungseinrichtung hat eigene Regeln und oft auch Verfahren festgelegt. Auf jeden Fall müssen die Mitglieder der Bildungseinrichtungen die Persönlichkeit und die Integrität der übrigen Mitglieder respektieren und können angezeigt werden. Die Universität Freiburg besitzt zwar ein spezielles Reglement, es führt aber in der Regel zu einem Schlichtungsverfahren. An der Universität Genf wurde die Möglichkeit einer Beschwerde auf dem Rektorat durch die Arbeit des Kollektivs CELVS aktualisiert. Ähnlich verhält es sich in Lausanne (Disziplinarverfahren). Die EESP in Lausanne (Hochschule für Sozialarbeit) als Musterschülerin verfügt in dieser Frage über ein ausführliches spezielles Reglement. Das ist alles gut und recht, aber nicht genug. Man muss eine Vereinheitlichung der Regeln auf der Grundlage des Bestehenden (des GlG) und echte Präventions- und Sanktionskampagnen anstreben.
Wir erinnern an dieser Stelle an unseren Widerstand gegen die Problemlösung durch Schlichtung, denn sie zielt vor allem auf die Verharmlosung der Vorkommnisse ab. Die Schlichtung stellt das Opfer in den Rahmen eines Konflikts, während es sich in Tat und Wahrheit um eine Aggression handelt. Es bestehen folgende Gefahren: fehlende Sanktion, keine Übernahme der Verantwortung, Aufrechterhaltung des Kontakts zwischen der/dem Täter*in und dem Opfer.
Im Falle von sexueller Belästigung beim Studium gibt es derzeit mehrere Möglichkeiten: Entweder besteht ein spezielles Reglement, das beizuziehen ist, oder man muss ein internes disziplinarisches Verfahren im Sinne des Persönlichkeitsschutzes einleiten oder (gleichzeitig) zivil- oder strafrechtlich gegen die/den Täter*in vorgehen. In allen Fällen stehen wir für Beratung und Unterstützung zur Verfügung.

  Allgemein  

Ein über das Gleichstellungsgesetz oder intern nach speziellen schuleigenen Regeln geführtes Verfahren ist parallel zu einem Zivil- oder Strafverfahren gegen die/den Täter*in jederzeit möglich. Das Zivilverfahren erfolgt gestützt auf Art. 28 des Zivilgesetzbuches, der vor Persönlichkeitsverletzungen schützt. Das Strafverfahren ist anspruchsvoller: kosten- und zeitmässig, vor allem aber beweismässig, es schützt jedoch vor den schwerwiegendsten Fällen. Es gibt Bestimmungen zur sexuellen Gewalt, aber auch zu Übertretungen gegen die «sexuelle Integrität»: Artikel 198 des Strafgesetzbuches.

  Opfer?  

Bist du Opfer von sexueller Belästigung? Bleibe vor allem nicht untätig. Wir können dir helfen, dich unterstützen und dich bei den weiteren Schritten beraten. Zögere nicht. Gemeinsam können wir etwas gegen die Unsichtbarmachung dieses Problems tun!

 

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